An Pelzwaren hänge oft ganze Famliengeschichten
Naturpelz ist ein Material mit grosser textiler Wertschöpfung. Das sagt voller Überzeugung und Stolz Anja Marquardt, die einzige Kürschner-Meisterin der Schweiz. Ihr Beruf ist vom
Aussterben bedroht. Umso mehr legt sie sich mit Herzblut in die Kürschnerei und schätzt den wertvollen Rohstoff Pelz.
Bericht von Jon Duschletta, Engadiner Post 07.07.2026
An Pelzwaren hängen oft ganze Familiengeschichten
Naturpelz ist ein Material mit grosser textiler Wertschöpfung. Das sagt voller Überzeugung und Stolz Anja Marquardt, die einzige Kürschner-Meisterin der Schweiz. Ihr Beruf ist vom Aussterben bedroht. Umso mehr legt sie sich mit Herzblut in Kürschnerei und schätzt den wertvollen Rohstoff Pelz.
Unterwäsche und Strümpfe werden nicht vererbt. Pelzwaren schon. Anja Marquardt muss über diese Aussage selber schmunzeln. «Pelz», fügt sie an, «ist das einzige Material, welches nachhaltig wiederverwendet werden kann.»
Tatsächlich ist Pelz ein nachwachsender Rohstoff, ist robust, langlebig, kann repariert und transformiert werden. «Aus einer Softshell-Jacke kann ich keine Hosen machen, aus einem Pelzmantel schon, oder eine Decke oder irgendetwas anderes. Aus einem Pelzmantel kann ich etwas komplett anderes schaffen.»
Zwar gibt es in der Schweiz noch den einen oder anderen Kürschner. Es ist dies die Bezeichnung für das Handwerk, Tierfelle zu Pelzbekleidung, Decken oder Wohnaccessoires zu verarbeiten. Ihres Zeichens ist Anja Marquardt aber die einzige Kürschnerin mit Meisterdiplom in der Schweiz. Sie stammt ursprünglich aus Bayern, lebt und arbeitet aber seit 29 in der Schweiz und tut dies aktuell im luzernischen Meggen wo sie ihr Pelzatelier betreibt.
Pelzgeschäfte wie jene in St. Moritz sind auf den Verkauf von Neuware ausgerichtet. Die hängige Pelzinitiative schränkt dies ab Mitte 2029 aber massiv ein (siehe Infokästchen). Marquardt hingegen hat sich auf Reparaturen, Änderungen und Umarbeitungen spezialisiert. «An Pelzwaren hängen oft die ganzen Familiengeschichten dran», sagt sie und macht ein Beispiel: «Eine Kundin kam mit einer Luchsjacke ihrer verstorbenen Mutter zu mir, welche sie so nicht tragen wollte.» Die Kürschnerin nimmt die Pelzjacke und fertigt daraus des Innenfutter eines neuen Parkas. «Die Kundin war begeistert und hat mir gesagt, sie fühle sich beim Tragen des Parkers, wie von ihrer Mutter umarmt.»
Tragen, weitergeben oder entsorgen
Das käme davon, dass sich heute viele nicht mehr trauen würden, Pelz zu tragen. Gerade, wenn solche schon lange im Kleiderschrank hängen oder geerbt wurden. Anders als im mondänen St. Moritz, wo Pelz wie selbstverständlich zum Bild des Jetsets gehört.
Der Handel mit Pelzen von streng geschützten Wildkatzenarten, darunter fällt heute auch der Luchs, der Ozelot oder die europäische Wildkatze, ist seit 1974 auf internationaler Ebene durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen streng reguliert und verboten. Die Umsetzung erfolgt über nationale Gesetze, weshalb die Pelztierhaltung in über 20 EU-Ländern verboten ist.
Wer seinen Pelz nicht mehr tragen will, hat indes wenig Alternativen: Bei Anja Marquardt zu etwas anderem umarbeiten lassen, in den Secondhandhandel geben, dem Theater als Requisite schenken oder, als letzte Option, entsorgen.
Das einst so traditionelle Pelzhandwerk verkam durch das Aufkommen günstiger, synthetischer Kleidung zum Nischenprodukt und die grausamen Bilder aus Pelztierzuchten mit tierquälerischen Haltungsmethoden brachten Pelz vollends in Verruf. «In den 1980er-Jahren ist vielerorts auf Teufel komm raus gezüchtet worden», erinnert sich Anja Marquardt. Das seien die Bilder, die den Leuten im Kopf geblieben seien. «Aber genau so, wie die Tiere gehalten wurden, sahen danach auch die fertigen Pelzwaren aus. Also wenn ich heute so einen sehe – igitt, den fass ich schon gar nicht an», sagt sie. «Als Expertin erkennt man anhand der Pelze die Qualität des Ausgangsmaterials und auch, wie die Tiere gehalten wurden.» Das sei nun mal die Schattenseite ihres Berufes und diese gelte es auch nicht zu verheimlichen.
Pelztragen: ganz schön kompliziert
Für den Schweizer Pelzmarkt alleine würde laut Marquardt die Wildware reichen, also ohne zusätzliche Zuchtpelze. «Es ist aber so, dass Zuchtware meist schöner und gleichmässiger ist. Da bekommt man 30 Nerzfelle die alle gleich aussehen. Bei Wildware ist kein Fell wie das andere.»
Pelztragen ist nicht nur eine Gewissensfrage und bisweilen pragmatisch begründbar. Pelztragen ist auch ganz schön kompliziert. Je nach Ausgang und Auslegung der Pelzinitiative – oder des bundesrätlichen Gegenvorschlages – dürfte nicht nur das Vererben von Pelzwaren komplizierter werden, sondern auch das tragen selbst. So benötigen schon heute Pelzträgerinnen und Pelzträger gültige Zollpapiere, wenn sie mit einem Leopardenmantel in die Schweiz einreisen. Fehlt eine solche Eigentumsbescheinigung, wird der teure Pelzmantel vom Zoll konfisziert und nach Bern in die Reservatenkammer gebracht. Der Pelz werde dort zwar nicht vernichtet, nur eingelagert, aber ohne Chance, diesen je wieder zurückzuerhalten, so Marquardt.
Pelz gehört nicht in die Mikrowelle
Pelz schützt Tiere vor Wind und Wetter, vor Kälte und Verletzungen. Weil das im Grundsatz auch für den Menschen gilt, werden Pelzwaren naturgemäss in kälteren Jahreszeiten getragen, klassischerweise im Winter. Wer nun meint, den Pelz im Sommer in Kleiderschrank übersommern zu können, irrt. «Wenn es im Sommer zu trocken und warm ist, dann kann das Leder austrocknen und brüchig werden», warnt die Expertin. «Am idealsten ist ein klimatisierter Raum mit 14° Grad Celsius und 60 Prozent Luftfeuchtigkeit.» Sie selbst bietet ihren Kundinnen eine solcherlei fachkundige Zwischenlagerung von Pelzmänteln an, kennt aber auch Kundinnen, die sich zuhause selbst einen klimatisierten Pelzkühlraum haben einbauen lassen. «Wird ein Pelzmantel mal nass, dann einfach ausschütteln und zum trocknen aufhängen», rät Anja Marquardt, «ja nicht in den Trockner geben, bügeln, föhnen, auf die Heizung oder in die Mikrowelle legen. Lachen sie nicht, das habe ich alles schon gesehen.»
Anja Marquardt veranstaltet am Freitag, 18. September, in der La Tuor in Samedan und in Zusammenarbeit mit der Chesa Planta einen Pelzkurs. Anmeldung erforderlich unter: info@latuor.ch. Weitere Informationen unter: www.pelzatelier.ch
Pelzatelier Marquardt bei Instagram
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