Jagd und Natur - Zwischen Handwerk, Jagd und Erinnerung
Der Balg ist Trophäe, Erinnerung und Teil einer ganzheitlichen Nutzung des Wildes. Doch immer weniger Fuchsbälge werden heute gegerbt und verarbeitet. Die einzige Kürschnermeisterin der Schweiz erklärt, woran das liegen könnte, was ein gutes Fuchsfell ausmacht und warum der gesellschaftliche Druck für die Jägerschaft zur wachsenden Herausforderung wird.
Bericht von Nathalie Homberger, Jagd und Natur März 2026
Zwischen Handwerk, Jagd und Erinnerung
Für viele Jägerinnen und Jäger endet die Jagd nicht mit dem Schuss. Der Balg ist Trophäe, Erinnerung und Teil einer ganzheitlichen Nutzung des Wildes. Doch immer weniger Fuchsbälge werden heute gegerbt und verarbeitet. Die einzige Kürschnermeisterin der Schweiz erklärt, woran das liegt, was ein gutes Fuchsfell ausmacht und warum der gesellschaftliche Druck für die Jägerschaft zur wachsenden Herausforderung wird.
Pelz ist ein emotional besetztes Thema. Kaum ein anderes Naturmaterial bewegt sich so stark zwischen Tradition, persönlicher Erinnerung und gesellschaftlicher Debatte. Für viele Jägerinnen und Jäger gehört der balg dennoch zur Jagd. Es ist Trophäe, Erinnerungsstück und Ausdruck von Wertschätzung gegenüber dem Wild. Eine, die diesen Zusammenhang aus nächster Nähe kennt, ist Anja Marquardt. Sie ist die einzige Kürschnermeisterin der Schweiz.
Anja Marquardt ist 49 Jahre alt, stammt ursprünglich aus Deutschland und hat dort die Ausbildung zur Kürschnerin sowie später die Meisterprüfung an der Frankfurter Meisterschule absolviert. 1997 kam sie berufsbedingt in die Schweiz. Nach mehreren Jahren als angestellte Kürschnerin folgten ein Modedesign-Studium in Zürich und ein Einblick in die industrielle Textilproduktion bei Odlo. Seit 2002 ist sie selbstständig. Das Pelzatelier Marquardt befindet sich heute in Meggen im Kanton Luzern.
Ein Beruf, der früh begann
Der Weg zum Handwerk begann früh. Marquardts Vater züchtete Kaninchen, auch zur Selbstversorgung. Mit zwölf Jahren nähte sie an einem Fellnähkurs ihr erstes Kuscheltier aus Hasenfell. Stolz sei sie darauf gewesen, was sie mit ihren eigenen Händen erschuf. Der Umgang mit Tier, Fleisch und Fell war für sie immer selbstverständlich.
Bis heute prägt diese Haltung ihre Arbeit. Kürschnerinnen und Kürschner verarbeiten gegerbte Felle, ähnlich wie ein Schneider oder eine Schneiderin mit Stoff arbeitet. Der Unterschied liegt im Material. «Wir haben keine drei Meter Stoffbahnen, sondern Einzelfelle, die so angeordnet werden müssen, dass sie am Ende ein ganzes Bild ergeben.»
Ein Grossteil der Arbeit erfolgt von Hand. «Es gibt nur eine Pelznähmaschine und einen Tacker als Hilfe. Der Rest ist Handarbeit», erklärt die Kürschnermeisterin. Geschnitten wird nicht mit der Schere, sondern mit einem Kürschnermesser, damit die Haare nicht verletzt werden. Die Pelznähmaschine in ihrem Atelier stammt aus dem Jahr 1928. Das Handwerk ist körperlich anstrengend, vor allem für die Hände.
Der Fuchs verrät seine Herkunft
Besonders beim Rotfuchs zeigt sich, wie individuell jeder Balg ist. Marquardt erkennt sofort, aus welcher Region ein Tier stammt. «Ich sehe den Unterschied zwischen Füchsen aus dem Unterland und solchen aus den Bergen.»
Füchse aus tieferen Lagen sind meist rötlicher und flacher im Haar. Bergfüchse hingegen haben längeres, dichteres und oft gräulicheres Fell. Auch Kohlfüchse treten vermehrt in höheren Regionen auf. Diese Unterschiede sind nicht nur optisch relevant, sondern bestimmen auch die spätere Verwendung. Kräftige Balge eignen sich eher für Decken, flachere für Mützen oder andere Accessoires, die nicht zu voluminös sein sollen.
Für eine Fuchsdecke benötigt man rund zwanzig Bälge, möglichst aus ähnlichen Gebieten. Wenn ein Jäger seine eigenen Füchse bringt, sei dies was anderes. «Dann ist dies eine Jägerdecke», sagt Anja Marquardt. Sie ist weniger gleichmässig, dafür aber ehrlich und voller Geschichte.
Die Faszination am Beruf liege für sie in der Haptik und im Moment, in dem man das Fell zum ersten Mal in die Hand nehme. «Jedes Fell ist einzigartig und ein Unikat. Gerade bei Fuchsbälgen steckt eine Geschichte», erklärt die 49-Jährige. Aus diesen einzelnen Stücken entstehe später beispielsweise eine Fuchsdecke, bei der sichtbar werde, «wie das Ganze harmonisch zu einem Produkt zusammengeführt wird».
Jagdware und Zuchtware im Vergleich
Im Alltag der Kürschnerin spielt der Unterschied zwischen Wild- und Zuchtfell eine zentrale Rolle. Zuchtfelle sind in Haarlänge und Farbe sehr gleichmässig. Gerade bei Nerzen gleichen sich die einzelnen Felle fast vollständig. Beim Rotfuchs aus der Jagd hingegen ist jeder Balg anders. Farbe, Dichte und Struktur variieren deutlich.
Auch die Verfügbarkeit unterscheidet sich. Wildfelle fallen im Rahmen der Jagd an und sind begrenzt. Zuchtware steht in konstanten Mengen zur Verfügung. Anja Marquardt arbeitet unter anderem mit einem Jäger aus dem Luzerner Hinterland zusammen, von dem sie jährlich rund zwanzig bis dreissig Fuchsfelle bezieht. Diese werden in der Schweiz gegerbt. «Dann kann man wirklich sagen, das ist Schweizer Fuchs, verarbeitet in der Schweiz.»
Viele Jägerinnen und Jäger bringen ihre Felle direkt zu ihr. In einem persönlichen Gespräch wird besprochen, wie die Felle verarbeitet werden sollen und welches Produkt sich je nach Qualität, Menge und Wunsch des Kunden eignet.
Weniger Felle, andere Beweggründe
Dass heute deutlich weniger Fuchsbälge gegerbt und verarbeitet werden als früher, beobachtet die Kürschnermeisterin seit Jahren. Viele Jägerinnen und Jäger würden heute mehr auf Füchse weidwerken, weil es vorgeschrieben sei. Zudem ist die Angst vor Krankheitsübertragungen gross. Um die eigentliche Fellverwertung geht es heute weniger. Gleichzeitig verändert sich die Kundschaft. Trotzdem wird sie jünger und sucht im Fell weniger ein Statussymbol als vielmehr ein Erinnerungsstück.
Der Trophäengedanke steht dabei im Vordergrund. «Der Jäger ist stolz auf sein Fell. Es ist eine Jagderinnerung», so die 49-Jährige. Diese Haltung unterscheidet sich klar von klassischen Pelzkunden oder von Menschen, die geerbte Mäntel umarbeiten lassen.
Sorgfalt beginnt im Revier
Wer einen Balg verwerten möchte, kann bereits bei der Jagd viel zur Qualität beitragen. Anja Marquardt bevorzugt einen sauberen Schrotschuss oder ein kleines Kaliber. Wichtig sei, dass Einschuss und Ausschuss möglichst klein bleiben. Noch entscheidender ist für sie jedoch das fachgerechte Abbalgen.
«Viele nehmen sich dafür zu wenig Zeit», sagt sie. Branten, Kopf mit Gehöre und Lunte sollten am Balg bleiben. Der Fuchs wird korrekt über die Hinterläufe abgebalgt und anschliessend auf einen geeigneten Spanner aufgezogen werden. Das Fett muss sorgfältig entfernt werden, damit das Fell sauber trocknen kann und keine Würmer drangehen. Danach sollte es möglichst rasch zum Gerber gelangen. Tiefgefrieren ist möglich.
Handwerk mit Geduld und Präzision
Kommt das gegerbte Fell ins Atelier, beginnt die eigentliche Kürschnerarbeit. Zuerst werden Schäden geprüft und Löcher repariert. Dabei setzt Anja Marquardt keine fremden Felle ein. Die Kunst besteht darin, das Material so zu verschieben, dass die Reparatur später nicht mehr sichtbar ist. «Gerade beim Fuchs ist das sehr anspruchsvoll, da er verschiedene Haarlängen, farbgrenzen und -partien aufweist», erklärt die Kürschnermeisterin.
Anschliessend werden Rückenlinie und Kreuz markiert, zwei zentrale Punkte für die Symmetrie. Tiere sind im Fell erstaunlich gleichmässig gebaut. Für eine Mütze beispielsweise benötigt Anja Marquardt je nach Modell zwischen zwei und vier Stunden Arbeit. Jeder Schritt erfolgt von Hand.
Gesellschaftlicher Druck als Hürde
Warum also verwerten heute nicht mehr Jägerinnen und Jäger ihre Felle? Für Anja Marquardt liegt der Grund weniger in fehlendem Interesse als auch im gesellschaftlichen Druck. «Viele tragen Fell nur noch im jagdlichen Umfeld. Man geht nicht mit einer Rotfuchsmütze einkaufen, weil die Akzeptanz fehlt», so die 49-Jährige.
Gerade deshalb richtet sie einen klaren Appell an die Jägerschaft. «Stehen Sie zur Jagd. Zeigen Sie sich. Verstecken bringt nichts.» Sie befürchtet, dass nach der Pelz-Initiative, irgendwann auch die Jagd stärker unter Druck geraten könnte. Akzeptanz entstehe nur durch Sichtbarkeit und durch das Erklären des eigenen Handelns.
Mehr als nur ein Material
Für Anja Marquardt ist das Fell kein modisches Accessoire. Es ist ein Werkstoff mit Geschichte. «Pelz ist etwas Emotionales», sagt sie. Für Jägerinnen und Jäger gilt das in besonderem Mass. Wer einen Balg nutzt, verwertet mehr als nur Fleisch. Er schliesst einen Kreislauf.
Pelz-Initiative Die Volksinitiative «Ja zum Importverbot für tierquälerisch erzeugte Pelzprodukte (Pelz-Initiative)» fordert ein Einfuhrverbot für tierquälerisch erzeugte Pelzprodukte. Gemäss Initiativkomitee dürfen damit keine Pelzprodukte mehr importiert werden, bei deren Herstellung gegen schweizerisches Recht verstossen wurde. Der Bundesrat stellt der Initiative einen indirekten Gegenvorschlag durch eine Änderung des Tierschutzgesetzes gegenüber. Dort soll neu ein Verbot der Ein- und Durchfuhr von und des Handels mit tierquälerisch hergestellten Pelzen und Pelzprodukten verankert werden. Quelle: Fedlex |
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