Portrait Kleintierzüchter

Anja Marquardt ist nicht nur Kürschnermeisterin, sondern auch schon seit 2005 Kursleiterin von Fellnähen Schweiz. So gibt sie in der ganzen Schweiz Kurse in denen Frauen und Männer das Fellnähen von erlernen können.


Quelle: Kleintierzüchter vom 28.02.2019



Portrait Kleintierzüchter



Cover Kleintierzüchter

Bericht von Lars Lepperhoff - Kleintierzüchter vom 21.02.2019

Beruf und Passion in einem 

 

Anja Marquardt kam über das Fellnähen zum seltenen Beruf der Kürschnerin. Sie ist Verantwortliche für das Kurswesen bei Fellnähen Schweiz und führt ihr eigenes Kürschneratelier in Meggen. 

 

Kleintierzucht und alles, was damit zusammenhängt, verbindet auch über die Landesgrenzen hinaus. Anja Marquardt - blonde Haare, bläuliche Augen, Brille - redet mit heller, lebhafter Stimme hochdeutsch. Sie lebt nun schon lange in Meggen nahe Luzern oberhalb des Vierwaldstättersees, doch sie wuchs im nördlichen Nachbarland Deutschland, in Franken im Bundesland Bayern nahe Bamberg, auf. „Wir wohnten in einem Dorf abseits von allem“, erzählt die Frau, die meist ein Lächeln auf ihrem Gesicht trägt. 


Ihr Vater züchtete Alaska-Kaninchen, Tauben, Enten und Hühner flatterten um das Haus. Einmal, als der Vater seine Tochter Anja wieder mit auf eine Ausstellung nahm, verliebte sie sich in einen Satinhasen. „Diese Rasse ist in der Schweiz nicht verbreitet“, weiss Marquardt und führt aus: „Sie haben keine Grannenhaare, doch ein besonderer Glanz zieht sich über das Fell.“ Tochter Anja erhielt Kaninchen dieser Rasse und wurde zur begeisterten Züchterin.


Doch sie ging nicht nur mit ihrem Vater an Ausstellungen, sondern begleitete ihre Mutter bereits als 11-Jähirge an einem Fellnähkurs. „Das faszinierte mich sofort“, erinnert sie sich. Als die Berufswahl anstand, geriet sie nicht in Verlegenheit. „Ich wollte Kürschnerin werden“, sagt sie. Der Berufsberater riet von einer solch exotischen Profession ab, doch die Eltern unterstützten sie. 


Sie musste bereits für die Lehre weg von zu Hause, die Berufsschule lag über 100 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. „Mir war von Anfang an klar, dass ich, um diesen Beruf ausüben zu können, von zu Hause weg musste.“ 


Nach dem Lehrabschluss bewarb sie sich auf zwei Stellen in zwei unterschiedlichen Ländern. Sie reiste nach Johannesburg in Südafrika. Während drei Wochen absolvierte sie dort in einem Kürschneratelier ein Praktikum. „Ich wollte zuerst testen, ob mir die Stelle auch gefällt.“ Sie erschrak allerdings, als sie merkte, dass man zur Modeschau mit bewaffnetem Begleitschutz fuhr und dass sie nicht einfach so in die Stadt durfte, weil es zu gefährlich war. „Das war mir dann zu krass“, sagt die 42-Jährige. 


Sie flog wieder zurück nach Frankfurt, nahm dort den Zug und fuhr gleich zu ihrem nächsten Praktikum – in die Schweiz. „Ich kam in Schwyz am Abend des 10. Mai 1997 todmüde an und sank im Hotel gleich in das Bett“, erinnert sie sich. 


Am anderen Morgen dann die Überraschung: Kühe mit Glocken auf der Weide, von Schnee überzuckerte Berge. Am 1. Juni begann sie ihre Arbeit in Schwyz. „Ich lerne gerne Neues kennen“, sagt die fröhliche Frau, die ganz erstaunt war, dass sie das Schweizerdeutsche zu Beginn kaum verstand. Doch es dauerte rasch, bis sie lernte, dass der Chef mit Juppes und Gilet Rock und Weste meinte. 

 

Verarbeitung von handelbaren Pelzen

Die Schweiz gefiel ihr immer besser, insbesondere, als sie auch ihren zukünftigen Mann Christopher kennenlernte, der aus Meggen im Kanton Luzern stammt. Die beiden gründeten eine Familie, Jerome (16) und Florence (13) wurden geboren, der Umzug in das Elternhaus ihres Mannes brachte der Familie mehr Platz. Anja Marquardt machte sich selbständig. Sie betreibt heute im Obergeschoss ihres Hauses ihr eigenes Kürschneratelier. 


„Zu Beginn arbeitete ich für Grosskunden“, sagt die geschickte Näherin, die sich nebenher ein Netz von Privatkunden aufbaute. Obwohl sie kein Ladenlokal hat, floriert ihr Geschäft. Auf Empfehlung kommen Kundinnen direkt zu ihr, oder sie finden sie über das Internet.


 „Ich verarbeite alle handelbaren Pelze“, sagt Marquardt. Dazu gehören Felle von Kaninchen, Nerz, Fuchs, Lämmern und Marderhund. Kaninchen werden geschlachtet, Füchse von Jägern geschossen, doch was geschieht mit den Fellen? 


Anja Marquardt verarbeitet sie zu Decken und eleganten Mänteln. Sie stiess so sehr in die Tiefe der Materie vor, dass sie das Meisterdiplom absolvierte. Sie sei die einzige Kürschnermeisterin in der Schweiz, sagt sie. Der Beruf heisse heute Bekleidungsgestalterin. Zudem studierte sie in Zürich Modedesignerin an der Fachhochschule. Dort sei die Ausbildung auf Seriendesigne ausgelegt. „Ich wollte einen anderen Einblick in die Thematik gewinnen.“ 

 

Marquardt kam über die Kleintierzucht und das Fellnähen zu ihrem Beruf, sie wollte auch in der Schweiz wieder Anschluss zu Fellnähgruppen finden und trat in die Fellnähgruppe Littau ein. 2005 absolvierte sie nach einer Aufnahmeprüfung die Ausbildung zur Kursleiterin Fellnähen. Sie machte, obwohl sie ja Berufsfrau ist, alle Lehrgänge mit, stellte Accessoires und Jacken her. Da sich die Gruppe Littau auflöste, wurde sie in der Fellnähgruppe Limmattal Mitglied. Das Durchschnittsalter liege dort bei 50. „Es gibt immer wieder jüngere Frauen, die hinzukommen“, sagt sie. Besonders über die Ausstellung Kreativa würden immer wieder Neumitglieder angesprochen. 


Die erste Fellnähgruppe wurde 1954 gegründet, um die 1980er Jahre boomten sie regelrichtig. „Der Aktivismus gegen Pelze hat dann dazu geführt, dass die Pelznähgruppen weniger attraktiv wurden.“ 


Seit 2016 ist Anja Marquardt Präsidentin der Kursleiterinnen und Expertinnen für Fell- und Angorawollverarbeitung KEFA und darum auch Mitglied im Vorstand von Fellnähen Schweiz. Sie bürgt für Niveau und Qualität der Kurse. Marquardt sorgte auch für eine moderne Homepage von Fellnähen Schweiz. „Wichtig war uns, dass für Benutzer schnell klar wird, wie sie Kontakt mit uns aufnehmen können.“ Tatsächlich stossen immer wieder neue aufgrund der Homepage dazu. 


Während draussen im Garten in einem Stall drei Kaninchen der Rasse Kleinrex und zwei Rosettenmeerschweinchen an ihrem Futter mümmeln, verarbeitet Marquardt im Obergeschoss mit Dachschrägen mit einer 80-jährigen Pelznähmaschine am Fenster 32 Japanerfelle zu einer Decke. 


An einem Bügel hängt eine Jacke aus grün gefärbtem Rexfell. Marquardt hat ein neues Futter eingenäht. Gerne führt sie sich dabei ein Hörbuch zu Gemüte. „Ganz böse Krimis mag ich besonders“, sagt sie. Bald wird eine neue Kundin klingeln. 

 

 


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